About me – So schließt sich der Kreis

Von der Idee, die Schule bis zum Abitur zu besuchen, war ich damals erst mal bedient

Kurz vor Beginn meiner ersten Ausbildung, Foto: privat

So entschließe ich mich als handwerklich begabte, sportbegeisterte und vielseitig interessierte junge Frau zunächst gegen das Abitur und für eine Berufsausbildung. Welchen Beruf ich ergreifen soll, weiß ich damals nicht: Grafikerin und Technische Zeichnerin sind gerade sehr angesagt und total überlaufen. Goldschmiedin vielleicht. Doch da sehen die Berufsaussichten auch nicht rosig aus. Oder etwas im klassischen Handwerk, es gibt leider zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viele Ausbildungsbetriebe, die gewillt und in der Lage sind, Mädchen auszubilden.

So stand ich da und wusste überhaupt nicht, was ich werden sollte

Die Ideen der Berufsberatung helfen auch nicht weiter. Die wollen mich in Branchen vermitteln, die händeringend suchen und überhaupt nicht zu mir passen. Als jüngere Tochter eines selbstständigen Handwerksmeisters habe ich viel von ihm gelernt, doch im Handwerk ausbilden will er mich keinesfalls. Meine Familie wünscht sich für mich etwas Zuverlässiges. Sicher, sauber, trocken, geregelte Arbeitszeiten, verlässliches Monatseinkommen. Da bleibt fast nur eins:

Der öffentliche Dienst!

Ich absolviere erfolgreich eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten bei der Bundesanstalt für Arbeit in Dortmund. Obwohl ich bereits nach den ersten zwei Wochen weiß, dass das so gar nicht mein Ding ist und ich mir über die gesamte Ausbildungszeit wünsche, es möge endlich vorbei sein.

Foto: Michael Krämer

Mein Ausbildungsleiter hält mich bei Laune und verspricht, nach dem Abschluss würde alles besser werden. Ich gehöre zum letzten Jahrgang, der anschließend unbefristet weiter beschäftigt wird und lande an einem Schreibtisch in der Leistungsabteilung. Etwa ein Jahr probiere ich als Anfang Zwanzigjährige, etwas Gutes an meiner Anstellung auf Lebenszeit zu finden. Abgesehen vom Gehalt, fällt mir nichts ein. Ich schleppe mich jeden Morgen mit Bauchschmerzen zur Arbeit und frage mich, wie ich aus dieser Nummer je herauskommen soll – und kündige.

Quasi im nahtlosen Übergang drücke ich wieder die Schulbank

Weniger, um mein Abitur nachzuholen, sondern um einen Ausweg aus der gefühlt beruflichen Sackgasse zu finden. Parallel jobbe ich in Teilzeit abends fünf Tage in der Woche bei einem großen Kurierunternehmen im Innendienst.

Nach meinem Fachabitur gebe ich meinem erlernten Beruf eine zweite Chance und arbeite erneut als Verwaltungsfachangestellte, zunächst befristet für ein Jahr, im Studentenwerk beim Amt für Ausbildungsförderung (BAföG) an der TU Dortmund. Die Arbeit mit den Studenten macht mir Spaß. Doch die Strukturen des öffentlichen Dienstes bleiben mir ein Gräuel. Ich schlage das Angebot einer unbefristeten Weiterbeschäftigung aus und probiere mich eine Weile in verschiedenen Bereichen. Unter anderem als Kurierfahrerin, bis zwei Autounfälle innerhalb einer Woche mir verdeutlichen, dass dieser stressige Job auf Dauer keine Alternative sein kann.

Ich interessiere mich schon länger für eine Tätigkeit im sozialen Bereich. Mir gefällt die Idee, Menschen zu unterstützen. Obwohl ich nie studieren wollte und mich mit der Mentalität vieler SozialarbeiterInnen schwer tue, entscheide ich mich für das Studium zur Diplom-Sozialarbeiterin an der Fachhochschule Dortmund.

Die beste Entscheidung meines Lebens

Das Studium macht Spaß. Die umfangreichen Rechtskenntnisse aus der ersten Ausbildung kommen mir zugute, denn etwa die Hälfte des Studiums besteht aus Recht: Verwaltungsrecht. Sozialleistungsrecht, Strafrecht usw., eben alles, was man wissen muss, wenn man Menschen in schwierigen Lebenssituationen kompetent unterstützen möchte: Denn erst wenn die Existenz mit einem Dach über dem Kopf und einem gefüllten Kühlschrank gesichert ist, kann ein Mensch, mit oder ohne professionelle Hilfe, an den Ursachen seiner Problematik arbeiten.

Hilfe zur Selbsthilfe statt Abhängigkeiten schaffen

Parallel finanziere ich mein Leben mit Kellnerjobs und als Tutorin an der Fachhochschule. Wenn neben dem Lernen und der Arbeit in den Semesterferien noch Zeit bleibt, laufe ich, streife die Inliner über oder bin mit dem Mountainbike unterwegs.

Sport ist mein Ausgleich – das ist bis heute so geblieben

Die Praktika während des Studiums absolviere ich beim Sozialpsychiatrischen Dienst im Gesundheitshaus des Kreises Unna. Leider ergibt sich dort keine Möglichkeit für eine Anstellung nach dem Diplom.

Statt dessen lande ich durch das Anerkennungsjahr in einer therapeutischen Einrichtung für ehemalige Suchtkranke. Nach einigen Befristungen arbeite ich dort dauerhaft, spezialisiere mich mit einigen Fortbildungen auf die Schuldnerberatung und biete für die Patienten und Patientinnen einen Lauftreff an.

Während einer Reise im Norden Portugals, Foto: privat

Ein unerwarteter Todesfall im engsten Umfeld macht mir deutlich, dass wir alle nicht wissen, wie viel Zeit wir haben. Das gibt meinem Leben eine Wendung. Nach etwa zehn Jahren intensiver Arbeit in der therapeutischen Einrichtung sehe ich für mich dort keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten. Nach reichlich Überlegung steht fest:

Bevor ich weiter unzufrieden ausharre, kündige ich, obwohl ich noch nicht weiß, wie es beruflich weiter geht

In der nächsten Zeit drehe ich alles auf links und stelle meine bisherigen Werte in Frage. Viel bleibt vom alten Leben nicht übrig. Ich realisiere lang verschobene Träume, wie z. B. nebenbei zeitweilig einer ehrenamtlichen Tätigkeit bei den Dortmunder Archäologen nachzugehen, stelle meine Bilder aus und mache den Motorradführerschein. Meine Reiseleidenschaft setze ich seither mit dem Motorrad fort. Das und meine PR-Fortbildung führen zwischenzeitlich zu einer Tätigkeit in der Redaktion eines Motorrad-Verlages. Motorradreiseberichte folgen. Doch auf Dauer stellt dieser Zweig keine berufliche Perspektive dar und ich entschließe mich parallel zu den Fortbildungen zum Systemischen und zum Advanced Coach.

Mit dem Motorrad vor dem Stadion, Foto: privat

So schließt sich der Kreis

Endlich kann ich meinen lang gehegten Traum von der Selbstständigkeit in die Tat umsetzen. Die verschiedenen Ausbildungen, das Studium und die vielen Branchen, in denen ich tätig war, meine Diplom-Arbeit über den systemischen Ansatz, die langjährigen umfangreichen Kenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Menschen unterschiedlichster Kulturen und in verschiedensten Lebenssituationen, der Sport, die vielen Reisen – das macht jetzt alles Sinn, denn all das macht mich zu dem Systemischen Coach, der ich heute bin. Meine Kunden und Kundinnen sagen über mich, meinem analytischen Verstand könne man nichts vormachen und mit meinem Empathievermögen arbeite ich in meinen Coachings sehr einfühlsam und bei Bedarf konfrontierend. Sie empfinden die Termine mit mir, je nach Thema, als sehr strukturierend, entlastend, inspirierend und motivierend. Mir ist es immer eine große Freude, mitzuerleben, wie jemand mit leuchtenden Augen es kaum erwarten kann, mit den neu erarbeiteten Ideen sofort loszulegen.

Weitere Infos über http://www.annettemertens.de oder über coaching(at) annettemertens.de

Text: Annette Mertens

Fotos: Michael Krämer und privat

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